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Wir beginnen unseren sonntäglichen Nachmittagsausflug über die sündigste Meile Deutschlands (der Welt?) ganz am Ende der ganz großen Freiheit: Wo die Schmuck-Straße auf die Große Freiheit trifft.

Da steht noch der Tourbus vom letzten Konzert. Im Vordergrund ein älteres Paar (in gelb). Sie fasst ihm in den Schritt – in aller Öffentlichkeit. Keine Scham bleibt, in Anbetracht des Hauses Gottes, welches im Hintergrund zu sehen ist. Doch wer jetzt meint, das sei ein krasser Bruch im Bild, dem seien Jesus’ Worte erinnernd entgegen gesetzt:

Jesus spricht
Und das gilt wohl vorallem für die Reeperbahn. Das ist es, wofür sie bekannt ist, das ist es, wofür auch wir sie lieben: Ihre Lasterhaftigkeit, ihre Unverblümtheit. Die gescheiterten Existenzen, die sie ernährt und die Touristen, die sie füttert. Die Blasphemie, die sie austrahlt, ihre Zutraulichkeit gegenüber Fremden, ihre Distanzlosigkeit – in Bildern, wie Worten. Und ihren Schmutz. Vorallem ihren Schmutz.
Doch dann: Das Suchbild. An einem Sonntag in die Freiheit geschossen. Was fehlt? Oder anders: So könnte es auch in einer schwäbischen Kleinstadt aussehen. Kein Bombobabierle ziert den Gehweg, kein ausgespuckter Kaugummi klebt an unseren Schuhen, noch nicht einmal die verdorrten Kippen der letzten Nacht haben ihre Spuren auf dem Parkett der Betrunkenen, Tänzer, Trinker, Nutten und Touris hinterlassen. Die Straße ist leergefeegt. Als sei sie ganz normal.

Das ist sie nicht. Sie ist mehr wie der Vorhof zur Hölle oder der Anfang eines guten Abends. Je nach Einstellung, je nach Laune, je nach Promillespiegel vermutlich. Und wer sich einlässt auf das Abenteuer Reeperbahn bezahlt in jedem Fall mit einem Stück Leben. Das man dort lässt, wenn man nachts unterwegs ist, hin und hergeworfen zwischen dem unbezahlbaren Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem vermeintlich Anarchie herrscht und an dem man tun und lassen kann, was man möchte und diesem anderen Gefühl – abgestoßen vom RTL2Charakter, angeekelt von der Obzönität und der Distanzlosigkeit, die den Blick hinter Kulissen erlaubt, den man niemals wirklich werfen wollte.
Nicht so an einem Sonntag Nachmittag.
Dann ist die Reeperbahn brav. In ihrem feinen Kleidchen. Herausgeputzt und die Schmuck. Nur die Zuhälterkarren vor den Clubs erinnern daran, was sich vor 12 Stunden hier abgespielt hat und dann und wann stolpern wir über vereinzelte Penner, Punks und Pornotussis, die mit verzerrtem Blick an uns vorbeitorkeln und die das unsichtbare Blitzlichtgewitter durchbrechen, das die Digitalkameras der Touristen, wie einen roten Teppich für ihr Mädchen, ihre Reeperbahn ausgerollt haben. Um ihr Nahe zu sein und ihren Flair in sich aufzusaugen, im vorauseilenden Stolz und der aufgeregten Vorfreude, den Daheimgebliebenen von ihrem Ausflug in die – aus ihrer Sicht – unmoralische Glitzerwelt der Großstadt erzählen zu können. Ohne je wirklich in sie abgetaucht zu sein betrachten sie die „Perversionen“ aus einem Sicherheitsabstand.

Denn wer könnte das? Außer den Angestellten. Den Bedienungen, den Prostituierten, den Obdachlosen, den Club-Besitzern und Kiezgrößen, den Albanergangs und Polizisten. All jenen, die Nacht aus, Tag ein, die Verwandlung der 930 Meter miterleben. Die Teil des Mythos sind. So kurzlebig ihr Ruhm auch sein mag. Ob für eine Nachtschicht, eine Saison, einen Blowjob lang oder solange, bis die Esso-Tankstelle eben doch dicht macht.

Aber alles was wir haben – was ich habe – ist nichts weiter, als eine liebevolle Umarmung und den nötigen Respekt. Vor einer Straße, die Legende ist. Und unrühmlich auch.
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